Masernimpfung

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Masernimpfung

Beitragvon elvito » Mittwoch 25. Februar 2015, 12:06

Hallo,

aufgrund der aktuellen Ereignisse wollte ich mal fragen, ob es hier Kollegen gibt die ihren Patienten von einer Masernimpfung abraten und wenn ja warum? Es wäre nett, wenn die Kollegen evtl. auch Quellen aufgrund derer von einer Masernimpfung abgeraten wird angeben könnten.

Ich persönlich rate jedem meiner Patienten zur Impfung ihrer Kinder. Es kommt immer wieder das Argument der Impfschäden, leider auch z.T. in meiner eigenen Familie (Homöopathiefans). Ich würde gerne besser dagegen argumentieren können bzw. den Patienten auch Quellen angeben können um sie vom Nutzen der Impfung zu überzeugen.

Es wäre nett wenn die Disskusion sachlich und höflich bleibt :)

schönen Gruß
elvito

p.s. Ich selbst hatte die Masern ca. 1982 (bin Jahrgang 78, damals wohl noch kein guter Impfstoff verfügbar) und habe Sie als äußerst unangenehm in Erinnerung (schwere Pneumonie im Anschluss). Meine Kinder sind gegen alles geimpft und es gab hier keine Probleme.
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Re: individuelle Impfentscheidung

Beitragvon wahnfried » Freitag 27. Februar 2015, 03:52

...habe heute gerade einem Vater, der in der Kindheit nur mumpsgeimpft wurde, davon abgeraten, eine MMR-Impfung jetzt eine Woche vor einer Dienstreise nach München mit dortiger eigener Vortragstätigkeit machen zu lassen, da 1.) Schutz während der Reise noch nicht zu erwarten und 2) Impfung in einer infektbelasteten Zeit unsicherer in Bezug auf Reaktions-Art- und Stärke - hier insbesondere wegen der nicht möglichen Schonung nach Lebendimpfung - und 3) bei möglichen Impfmasern im Zeitrahmen der Dienstreise...

Impfung soll dann im Frühsommer in streßarmer und nicht infektbelasteter Zeit erfolgen, so dass im Falle einer Impfreaktion, die bei Lebendvirus-Impfung nicht so selten ist, auf diese eingegangen werden kann.

Ein Rat zum Thema Impfung darf m.E. nie eine Schwarz/Weiss-Entscheidung sein und muss die derzeitige Situation des Pat. mitberücksichtigen. Unüberlegte Impfablehnung ist m.E. genauso schlecht wie "Impfen um jeden Preis". Für sich selbst darf man als Erwachsener auch bei unzureichender Informationslage entscheiden - für jemand Dritten geht dies nur bei sachgerechter Information sowohl über Risiken als auch Vorteile von Krankheit und Impfung, sonst ist die juristische Einwilligungs-Fähigkeit nicht gegeben und dadurch erfüllt die Impfung (genau wie erzwungenes Haare-Abschneiden) die Kriterien von Körperverletzung. Wenn eine Impfung dann aktuell nicht erfolgen soll, kann sich die Entscheidungsgrundlage mit der Zeit verändern (Überprüfung der Entscheidung wann???) und es sollte darüber gesprochen werden, in welchen Situationen dies Konsequenzen hat.

Es ist auch nicht leicht, objektive Zahlen zu Krankheits- und Impfkomplikationen zu bekommen – beides gibt es. Kinder und Jugendliche mit ab Masern-/Mumps-Impfung aufgrund Impfschaden stehengebliebener geistiger Entwicklung sieht man aber nicht in der Gesellschaft, weil diese in heilpädagogischen Einrichtungen leben. Und wenn das Todesfallrisiko betr. Masern-Erkrankung offiziell von 1:10000 (RKI, 2004–2010) über 1:1000 (RKI, ca. 2011) plötzlich jetzt in der Presse mit 1:500 angegeben wird, stimmt etwas mit den Beurteilungskriterien nicht (oder es findet bei Masern-Erkrankung keine wirkliche Behandlung mehr statt).

Die Tatsache, dass Impfaufklärung im EBM nur bezahlt wird, wenn anschließend auch geimpft wird, darf die Art des Rates nicht beeinflussen - genausowenig darf die Intensität der Beratung nicht an dem dafür vorgesehenen Teil des Impfhohnorars abgemessen werden...

Die Entscheidung für oder gegen eine Impfung zum aktuellen Zeitpunkt fällt dann immer der Impfling oder dessen Sorgeberechtigte - nicht der Arzt. Die Themen der Impfaufklärung (incl. Empfehlungen nach STIKO, selbst wenn man diese nicht kritiklos teilt) und die Vollständigkeit der Beantwortung aller Fragen des Entscheiders sind aufgrund des Patientenrechtegesetzes genau zu dokumentieren und die Einwilligung zur Impfung sollte ebenfalls dokumentiert sein.

Grüsse, Wahnfried
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Re: Masernimpfung- Impfen, Impfen Impfen...

Beitragvon Johnny » Samstag 28. Februar 2015, 00:46

Hallo wahnfried,


als Frauenarzt impfe ich regelmäßig MMR, Habe noch nie eine Komplikation gesehen. Habe 1x sogar schon in eine Schwangerschaft hineingeimpft. Wie in der Literatur und bes. von Frau Prof. Enders/Stuttgart in ihrem Buch "Infektionen und Impfungen in der Schwangerschaft beschrieben sind die Impfviren sehr abgeschwächt. Über den Mumpsimpvirus wird derzeit sogar diskutiert, daß er manche Mumpswildvireninfektionen nicht mehr verhindern kann.

Ein Spiegelartikel aus den 60er Jahren http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46273078.html beschreibt die Impfkomplikationen schon damals in der Größenordnung von 1: 15 :!:

Also wie auf einer Veranstaltung in Kiel/Molfsee vor 2 Tagen wieder akklamiert: Impfen, Impfen, Impfen

Gruß aus Kiel

Johnny
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Re: Masernimpfung

Beitragvon Johnny » Montag 2. März 2015, 00:06

ÄH....


Johnny schrieb:

Ein Spiegelartikel aus den 60er Jahren http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46273078.html beschreibt die Impfkomplikationen schon damals in der Größenordnung von 1: 15 :!:





Ich meinte natürlich, die Maserninfektion hatte eine Komplikationsrate von 1:15 :oops:


Gruß aus Kiel

Johnny
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Re: Masernimpfung

Beitragvon elvito » Montag 2. März 2015, 10:55

Hallo,

zunächst danke für die bisherigen Antworten. Das kritiklose Impfen halte ich ebenfalls für problematisch, es sollte m.M.n. stets situativ abgewogen werden. Das gilt insbesondere für neue Impfungen. Das soll aber nicht heißen, daß ich gegen das Impfen bin, im Gegenteil! Ich habe grade in letzter Zeit immer wieder Patienten die Vorbehalte äußern aufgrund von sogenannten Impfschäden. Ich denke es hat bei den ersten Impfungen sicherlich öfters Komplikationen gegeben als bei den modernen Impfungen heutzutage. Ich bin jetzt noch nicht so lange (seit 2008) als Arzt im Geschäft und habe eine Impfschaden noch nicht live gesehen. Gibt es denn hierzu irgendwelche (wissenschaftlichen) Studien bzw. Zahlen? Ein Link oder PDF wäre super.

Die wichtigsten und stets wiederkehrenden Argumente gegen die (Masern) Impfung sind:

1. Es gibt die Impfung nicht einzeln sondern nur als MMR Kombi (ich denke zwar man kann nicht "überimpfen", aber wird halt von vielen Patienten als kritisch betrachtet)
2. Die Impfung enthält Quecksilber bzw. Aluminium (m.M.n. selbst wenn diese Elemente enthalten sind, so ist die Menge auf die Lebenszeit gesehen vernachlässigbar. Da halte ich den täglichen Gebrauch von aluminiumhaltigen Deos oder die Verwendung von Energiesparlampen für problematischer)
3. Impfschäden (wiederkehrendes Argument, diese würden stets als Humbug abgetan, Pharmaindustrie und Regierung arbeiten hier Hand in Hand bei der Vertuschung :) )
4. Durchmachen der "echten" Erkrankung wäre besser für die Ausbildung eines starken Immunsystems und Impfungen versagen eh bei 5-10%. Der 1. Punkt ist m.M.n. Schmarrn, leider weiß ich nicht, ob es auch bei durchgemachten echten Masern die Möglichkeit gibt, daß man auch ein zweites Mal erkranken kann... evtl i.R. einer Immunschwäche/Immunsuppression??? Sind solche Patienten (Immunsupprimierte z.B. nach Transplantation oder mit HIV) gefährdet sich erneut mit Masern zu infizieren und auch zu erkranken? Ich habe auch einige Patienten die bei M. Crohn Azathioprin nehmen. Gibt es bereits hier Probleme? Evtl. kann ein Immunologe bzw. Experte aufklären? Das wäre natürlich ein starkes Argument, deren Familienangehörigen besonders eindringlich zu einer Impfung zu raten.


@Wahnfried: Natürlich sollte die Vergütung keinen Einfluss auf die Durchführung einer Impfung nehmen dürfen! Das dokumentiert werden muss für den Fall der Fälle ist klar. Ich hätte jedoch mehr ein moralisches Problem, wenn es zu Komplikationen nach einer Impfung kommt, zu der ich geraten habe, als Furcht vor möglichen juristischen Konsequnezen. Deswegen hätte ich gerne verlässliche Quellen, die ich den Patienten vorlegen bzw. mitgeben kann, damit jeder die Entscheidung selbst in Ruhe fällen kann. Rein statistisch spricht ja augenscheinlich alles fürs Impfen, aber wie jeder der mal wissenschaftlich gearbeitet hat selber weiß, kann man so gut wie jede Statistik durch entsprechende Interpretation nach den eigenen Bedürfnissen "hinbiegen".

schönen Gruß
elvito
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Re: Masernimpfung

Beitragvon Johnny » Montag 2. März 2015, 23:25

Hallo elvito


elvito schrieb:

4. Durchmachen der "echten" Erkrankung wäre besser für die Ausbildung eines starken Immunsystems und Impfungen versagen eh bei 5-10%. Der 1. Punkt ist m.M.n. Schmarrn, leider weiß ich nicht, ob es auch bei durchgemachten echten Masern die Möglichkeit gibt, daß man auch ein zweites Mal erkranken kann...


Habe alle Kinderkrankheiten vor über 50 Jahren, wohl 2-3 Jahre alt, selbst durchgemacht und kann mich noch gut an alle erinnern.

Masern war schrecklich, schlimmer als eine Grippe, mit hohem Fieber abends, morgens meist fieberfrei. Dann diese lichtscheu, so daß man die Fenstervorhänge tagsüber zuziehen mußte. Und das ganz 1 Woche lang. Ich dachte damals, das hört nicht mehr auf. :mrgreen: Ebenso habe ich die Windpocken noch in schlechter Erinnerung. Röteln dagegen, völlig harmlos bis auf die paar Flecken auf der Haut. Bin bei Schulverbot draussen herumgelaufen. :D Scharlach, damals auf der Isolierstation des Krankenhaus, habe ich gut überstanden. :(
3-Tage Fieber, als Arzt am Universitätsklinikum angesteckt, war für mich völlig neu. Habe trotz Fieber weitergearbeitet. :mrgreen:

Gruß aus Kiel

Johnny
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Re: Masernimpfung

Beitragvon elvito » Donnerstag 5. März 2015, 11:06

Hallo,

Passend zum Thema ein Artikel bei Spiegel Online mit Quellen --> http://www.spiegel.de/gesundheit/diagno ... 21405.html . Das wars was ich gesucht hatte. Vielen Dank für die Antworten.

schönen Gruß
elvito
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